Welchen Stundenlohn kann man als Freiberufler verlangen?

07.06.2019

Ob Texter, Ingenieur oder Informatiker, eine Herausforderung haben Freiberufler gemein: einen realistischen Stundensatz ansetzen. Insbesondere Einsteiger stellen sich häufig die Frage, welches Honorar sie gegenüber dem Projektpartner ansetzen können und machen dabei horrende Fehler.

Fest steht: Hohe Qualifikationen bedeuten höhere Stundensätze, aber auch eine gute Argumentation kann ausschlaggebend sein. Einige Freelancer verkaufen sich unter Wert - insbesondere am Anfang der Karriere - ohne dabei zu beachten, welche Kosten im laufenden Jahr gedeckt werden müssen. Zusätzlich stecken einige hierbei noch im Angestellten-Denken fest, dabei ist die realistische Kalkulation kein Hexenwerk - unsere Tipps sollen hier Abhilfe schaffen.
 

Wie berechnet man den Stundensatz?


Die Kalkulation sollte alle monatlichen Kosten mit Trennung von privaten (z.B. Kleidung, Lebensmittel) und beruflichen (z.B. Büroräume, Arbeitsmaterialien) Ausgaben betrachten. Laut Freelancer-Kompass 2018 liegt der durchschnittliche Stundensatz eines Freelancers der D-A-CH-Region bei 91,05 Euro Netto, Umsatzsteuer ausgenommen. Als Netto-Monatseinkommen gaben die Befragten einen Durchschnittswert von 6122 Euro an. Das folgende Rechenbeispiel können Sie an Ihren Stundensatz anpassen und individuelle Werte einsetzen.
 
Als Grundlage der Berechnung wurden die jeweiligen Mittelwerte der Umfrageergebnisse des Freelancer-Kompass 2018 herangezogen. An der qualitativen Marktstudie rund ums Freelancing haben über 1000 Freiberufler, Selbstständige und Freelancer teilgenommen. Vertreten sind sechs verschiedene Branchen bzw. Fachgebiete: SAP, Beratung und Management, IT-Infrastruktur, Entwicklung, Ingenieurwesen und Grafik, Content, Medien.
 

1. Auflistung der Arbeitstage


Zunächst ist es ratsam, die jährlichen Arbeitstage zu bestimmen. Auch wenn Freiberufler und Selbstständige anfangs oft das Wochenende durcharbeiten, sollte das nicht zur Normalität werden - sonst droht Frust. Um die Arbeitstage und folglich den Stundensatz zu berechnen, müssen pauschale Krankheitstage, Tage für Weiterbildung und auch Urlaub eingeplant werden. Die Tage können natürlich schwanken. Hier gilt: Besser zu viele Ausfälle einbeziehen, als zu wenige, um finanziell auf der sicheren Seite zu sein.

Tipp: Um einen Überblick über das Jahr und die produktiven Tage zu bekommen, empfiehlt es sich, einen Plan aufzustellen. Hierzu notieren Sie alle Tage des Jahres und ziehen die ab, die Sie vermutlich nicht mit ihrer freiberuflichen Tätigkeit verbringen werden: Feiertage, Wochenenden, Tage für Weiterbildung etc. Auch Büroarbeiten, wie das Erledigen der Steuererklärung und Buchhaltung, dürfen Freelancer nicht vernachlässigen: Einnahmen und Ausgaben sollten Sie stets im Blick haben.
 
pro Jahr Ø Anzahl Tage
Kalendertage 365
Wochenenden -104
Feiertage -13
Urlaubstage  - 25
Krankheitstage -12
  =
Arbeitstage (Weiterbildung inbegriffen) 211
(Quelle Krankheitstage: AOK Fehlzeiten-Report 2018)
 

2. Zeit für Weiterbildung und Projektakquise


Laut den Umfrageergebnissen des Freelancer-Kompass 2018, benötigen Freelancer durchschnittlich zwei Tage pro Monat, um sich weiterzubilden. Hochgerechnet auf ein Jahr, verbringt ein Freiberufler im Schnitt 24 Tage mit der Fortbildung. Die Zeit hierfür kann je nach Branche stark schwanken, während Ingenieure und Berater im Schnitt 1-2 Tage pro Monat aufwenden, zeichnet sich in schnelllebigen Branchen wie IT und Medien eine Fortbildungszeit von 2-3 Tagen pro Monat ab.

Die Projektakquise ist laut Marktstudie die größte Herausforderung für Freelancer. Hierfür investieren freie Experten im  Durchschnitt zwei Tage pro Monat. Um Anfängern die Kalkulation etwas zu erleichtern, stellen wir im Folgenden eine Beispielrechnung auf. Da hier mit Studienergebnissen und Pauschalen gerechnet wird, sind die Auswertungen nur als Richtwerte zu betrachten - Stundensätze müssen individuell erstellt und an Lebenssituationen und Einflussfaktoren angepasst werden.

 
Weiterbildung SAP Beratung und Management IT-Infrastruktur Entwicklung Ingenieurwesen Grafik, Content, Medien
Tage pro Monat 1,5 1,7 2,2 2,3 1,4 3,1
Tage pro Jahr 18 20,4 26,4 27,6 16,8 37,2


Unter Betrachtung der Zahlen für Aus- und Weiterbildung in den verschiedenen Branchen, können die Arbeitstage pro Monat errechnet werden. Diese geben lediglich eine grobe Richtung vor.

Tipp: Es ist ratsam, mit persönlichen Werten zu rechnen. Stellen Sie sich Fragen wie: Wie schnell lerne ich? Wie rasch verändert sich meine Branche? Dann finden Sie mit Sicherheit die richtige Anzahl an Tagen. Generell sollten Sie lieber zu viel als zu wenig Zeit einrechnen.

 
  SAP Beratung&Management IT-Infrastruktur Entwicklung Ingenieurwesen Grafik, Content, Medien
Arbeitstage pro Jahr (Weiterbildung inbegriffen) 211 211 211 211 211 211
Tage für Weiterbildung - 18 - 20,4 - 26,4 - 27,6 - 16,8 -37,2
Tage für Projektakquise - 24 - 24 - 24 - 24 - 24 - 24
Arbeitstage pro Jahr (abz. WB) 169 166,6 160,6 159,4 170,2 149,8
  : 12 : 12 : 12 : 12 : 12 : 12
Arbeitstage pro Monat 14,08 13,88 13,38 13,28 14,18 12,48
 

3. Netto-Stundensatz berechnen


Um den Stundensatz grob kalkulieren zu können, muss das durchschnittliche Netto-Monatseinkommen (Umsatzsteuer ausgeschlossen) der jeweiligen Fachbereiche abgeschätzt werden. Diese stammen ebenfalls aus den Ergebnissen des Freelancer-Kompass. Mit diesen Werten kann der etwaige Stundensatz der jeweiligen Branchen errechnet werden. Bei einer Arbeitszeit von acht Stunden pro Tag ergeben sich folgende Werte:

 
  SAP Beratung&Management IT-Infrastruktur Entwicklung Ingenieurswesen Grafik, Content, Medien
Netto-Monatsgehalt 8028,74€ 6893,97€ 6410,29€ 5741,32€ 5018,18€ 2879,09€
Arbeitstage pro Monat : 14,08 : 13,88 : 13,38 : 13,28 : 14,18 : 12,48
geschätzter Tagessatz = 570,22€ = 496,68€ = 479,09€ = 432,32€ = 353,89€ = 230,69€
Stunden pro Tag : 8,00 : 8,00 : 8,00 : 8,00 : 8,00 : 8,00
Stundensatz 71,27€ 62,08€ 59,88€ 54,04€ 58,18€ 28,83€


Um keine finanziellen Engpässe in Kauf nehmen zu müssen, ist es ratsam, eine Auslastungsquote in die Berechnung einzubeziehen. Die Ergebnisse des Freelancer-Kompass zeigen, dass freiberuflich Tätige ca. 30% der verfügbaren Zeit nicht mit Projekten beschäftigt sind. Diese Prozentzahl muss pauschal dazugerechnet werden, um finanziellen Ausgleich zu schaffen. Außerdem kann dieser Zeitraum mit Kundenakquise, dem Pflegen von Netzwerke oder Eigenmarketing genutzt werden.

 
  SAP Beratung&Management IT-Infrastruktur Entwicklung Ingenieurswesen Grafik, Content, Medien
Ausgleich Auslastungsdefizit *1,3 *1,3 *1,3 *1,3 *1,3 *1,3
Netto-Stundensatz 92,65€ 80,7€ 77,84€ 70,25€ 75,63€ 37,47€

Durchschnitts-Stundensätze des freelancermap-Index (Stand Mai 2019):

 
  SAP Beratung&Management IT-Infrastruktur Entwicklung Ingenieurswesen Grafik, Content, Medien
freelancermap-Index 112 € 99 € 89 € 83 € 82 € 70 €
 

Einflussfaktoren auf den Stundensatz


Freelancer-Neulinge nehmen vergleichsweise jeden Auftrag an, den sie bekommen können. Um die Projekte besser differenzieren und eine gute Verhandlungsposition einnehmen zu können, sollten sie, neben der Berechnung der Einnahmen und Ausgaben, strukturiert vorgehen. Dabei sollte sich jeder Freiberufler oder Freelancer Gedanken machen, welche Faktoren den Stundensatz beeinflussen. Der Freelancer-Kompass 2018 zeigt, wie stark die Einflüsse tendenziell ausgeprägt sind.

 
einflussfaktoren-auf-den-freelancer-stundensatz
 

Top 5 Einflussfaktoren auf den Stundensatz
 
  1. Ort

  2. Branche

  3. Fachgebiet und Rolle im Projekt

  4. Unternehmensgröße

  5. Berufserfahrung

Tipp: Informieren Sie sich über übliche Honorare: Wie viel verlangen andere Freelancer Ihres Fachbereichs? Hierbei müssen Sie darauf achten, dass sich weitere Faktoren, wie Bildungsabschluss, Berufserfahrung und Alter, auf den Stundensatz auswirken. Was empfehlen Berufsverbände der jeweiligen Branche? Außerdem wichtig: Wie können Sie sich und Ihre Leistungen gut verkaufen und Ihr Honorar begründen und argumentieren? Seien Sie selbstbewusst!
 

Kalkulation ist das A und O


Freelancer, die neu im Geschäft sind, stecken oft noch im Angestellten-Denken fest. Ausfälle wie Krankheitstage oder auch Urlaub müssen einkalkuliert werden. Was im Angestellten-Verhältnis der Arbeitgeber zum Teil übernommen hat, muss der freie Mitarbeiter selbst tragen. In diese Kategorie fallen beispielsweise Sozialabgaben wie Krankenversicherungs- oder Rentenbeiträge, insgesamt liegt der Beitrag bei 19,425 Prozent. Zudem müssen Einkommensteuer und Umsatzsteuer berücksichtigt werden, in Fällen der Existenzgründung sogar die Gewerbesteuer.

Tipp: Stellen Sie die Kosten exakt auf und verschaffen Sie sich finanziellen Puffer, um Ausfälle ausgleichen zu können. Ihre Einnahmen müssen höher als Ihre Ausgaben sein!
 

Fazit


Beim Berechnen des Stundensatzes, insbesondere zu Beginn der Karriere, müssen Freelancer und Freiberufler darauf achten, dass sie schlussendlich Gewinne erzielen. Laufende Kosten wie Sozialversicherung oder Auslagen für Arbeitsmittel müssen gedeckt sein, Rücklagen fürs Alter gebildet und Steuern müssen abgeführt werden. Seien Sie mutig und kennen Sie Ihren Wert, lernen Sie zu argumentieren und zu verhandeln. Und bedenken Sie: Mit steigender Erfahrung können Sie auch Ihren Stundensatz erhöhen.
 
Freelancer-Profil erstellen und Projekte finden - ohne Vermittlungsgebühr!

 Jetzt registrieren


Bild:  © Mellimage - Fotolia.com

Weitere Artikel

  • Unternehmensformen für IT-Selbständige

    Selbständige in der IT Branche haben in Deutschland verschiedene Rechtsformen zur Auswahl, unter denen sie ihrer Tätigkeit nachgehen können. Ob Einzelunternehmer oder Personen- (wie GbR, PartnerG) und Kapitalgesellschaften (wie GmbH, UG (haftungsbeschränkt), AG) hängt dabei von verschiedenen Faktoren ab und muss im individuellen Einzelfall näher betrachtet werden.
  • So korrigieren Sie Ihre Rechnungen richtig!

    Selbständige, Freiberufler und Unternehmer sind grundsätzlich dazu verpflichtet, erbrachte Leistungen gegenüber dem Kunden mit einer Rechnung abzurechnen. Ist unser Kunde selbst Unternehmer, benötigt er die Rechnung als Nachweis, um sich die ausgewiesene Umsatzsteuer vom Finanzamt erstatten zu lassen.
  • Was tun, wenn der Kunde nicht zahlt?

    Es gibt wohl kaum einen Freelancer, der es nicht schon einmal erlebt hat: Die Rechnung wird eingereicht, aber einfach nicht bezahlt.

Kommentare

  • Keine Kommentare vorhanden

Artikel kommentieren