Gender Pay Gap 2026: Warum Frauen 43 Prozent weniger verdienen
Freelancerinnen verdienen pro Stunde durchschnittlich 8 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, auf den Monat gerechnet wächst der Unterschied sogar auf 43 Prozent an. Aus einer vergleichsweise kleinen Differenz beim Stundensatz entsteht so eine deutliche Einkommenslücke. Verantwortlich dafür sind mehrere Faktoren, die sich gegenseitig verstärken.
Das Wichtigste in Kürze
- Freelancerinnen erzielen im Schnitt 4.147 € Monatseinkommen aus Projektarbeit. Männer kommen auf 7.318 € pro Monat, das entspricht einer Lücke von 43 Prozent.
- Beim Stundensatz liegt der Unterschied bei 8 Prozent.
- Freelancerinnen arbeiten im Schnitt fünf Stunden weniger pro Woche und sind überproportional in geringer vergüteten Fachgebieten tätig.
- Rund 59 Prozent der männlichen Freelancer sind mit ihrem Verdienst zufrieden, bei Frauen sind es nur 40 Prozent.
- Der Einkommens-Gap beim Monatseinkommen ist von 35 Prozent (2024) auf 43 Prozent (2026) gewachsen.
Wer in Deutschland nach Zahlen zum Gender Pay Gap sucht, landet meistens bei Destatis, bezogen auf Angestellte, unbereinigt wie bereinigt. Was diese Statistiken nicht abbilden, ist der Blick auf Selbstständige.
Laut einer eigenen Auswertung der Freelancer-Kompass-2026-Daten für Deutschland verdienen Freelancerinnen pro Stunde 8 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Beim Monatseinkommen beträgt die Lücke aber 43 Prozent. Aus einem überschaubaren Preisunterschied wird also eine riesige Einkommenslücke. Drei Faktoren erklären, warum.

Warum der Gender Pay Gap bei Freelancern 43 Prozent beträgt
Bei Angestellten ist das Phänomen bekannt: Der unbereinigte Gender Pay Gap wirkt oft deutlich größer, als er nach dem Vergleich ähnlicher Positionen und Qualifikationen tatsächlich ausfällt. Im Freelancing beträgt der bereinigte Gap beim Stundensatz 8 Prozent.
Beim Monatseinkommen aber klafft eine Lücke von 43 Prozent. Das liegt nicht an einem einzigen Faktor, sondern daran, dass sich drei Stellschrauben gleichzeitig in dieselbe Richtung drehen.
Der erste Faktor zeigt sich bereits beim Stundensatz: Freelancerinnen verlangen im Durchschnitt 96 Euro pro Stunde, männliche Freelancer kommen auf 104 Euro. Diese Differenz bildet die Grundlage für die spätere Einkommenslücke. Hinzu kommt die Arbeitszeit, denn Freelancerinnen arbeiten im Schnitt 5,5 Stunden weniger pro Woche.
Das wirkt zunächst nach einem überschaubaren Unterschied, summiert sich über den Monat jedoch zu einem deutlich geringeren abrechenbaren Volumen. Zusätzlich beeinflusst auch das jeweilige Fachgebiet die Einkommenshöhe. Freelancerinnen arbeiten überdurchschnittlich häufig in Bereichen, die strukturell niedriger vergütet werden als andere Freelancer-Tätigkeiten.
Claudia Müller vom Female Finance Forum fasst es im Freelancer-Kompass 2025 so zusammen: Entscheidend ist nicht der Preis pro Stunde allein, sondern die Kombination aus Preis, Zeit und Fachgebiet. Und bei allen drei Faktoren stehen Frauen im Durchschnitt schlechter da.
Fachgebiete mit den größten Einkommensunterschieden zwischen Männern und Frauen
Freelancerinnen sind überproportional in Fachgebieten tätig, die 32 Euro weniger pro Stunde einbringen. Der Freelancer-Kompass 2026 zeigt, wo Männer und Frauen in Deutschland schwerpunktmäßig tätig sind, gemessen an den Gesamtnutzern. Die Unterschiede sind deutlich:
| Fachgebiet | Frauen | Männer |
| Software- & Webentwicklung | 11 % | 32 % |
| Beratung & Management | 26 % | 23 % |
| IT-Infrastruktur | 1 % | 13 % |
| Ingenieurwesen | 2 % | 9 % |
| SAP & ERP | 2 % | 5 % |
| Data & Analytics | 3 % | 5 % |
| Marketing & Kommunikation | 18 % | 3 % |
| Design, Medien & Kreativdienste | 14 % | 3 % |
| Finanz-, Rechnungs- & Rechtswesen | 10 % | 2 % |
| Personal, HR & Coaching | 6 % | 1 % |
| Sonstiges | 5 % | 2 % |
| Forschung & Analyse | 1 % | 1 % |
Technische Fachgebiete wie Software-Entwicklung oder IT-Infrastruktur werden klar von Männern dominiert, kreative Felder hingegen stärker von Frauen.
Besonders deutlich wird das bei Design, Medien und Kreativdiensten: Während dort 14 Prozent der Freelancerinnen tätig sind, sind es bei den männlichen Kollegen nur 3 Prozent. Und genau diese Bereiche weisen strukturell die niedrigsten Stundensätze auf.
Es ist nicht so, dass Frauen schlechter bezahlte Berufe wählen – sondern dass die Gehälter in männerdominierten Berufen steigen. Ein Beispiel ist die IT-Branche: In den 60ern war das ein typisches Frauenfeld, doch als der Bereich an Bedeutung gewann, stiegen Männer ein – und mit ihnen Ansehen und Gehalt. Das Gegenteil sehen wir aktuell in der Medizin: Allgemeinmedizin war immer hoch angesehen, doch mit dem steigenden Frauenanteil sinken hier zurzeit die Gehälter.
Claudia MüllerFemale Finance Forum
Die Verteilung der Fachgebiete ist also nicht allein eine Frage der freien Berufswahl.
Gender Pay Gap Freelancer: Entwicklung 2024 bis 2026
Die Einkommenslücke ist zwischen 2024 und 2026 von 35 auf 43 Prozent gewachsen. In 2026 hat sich der Stundensatz sich auf 8 Prozent verdoppelt, weil der Stundensatz der Frauen leicht gesunken ist, während der der Männer konstant blieb.
| Jahr | Stundensatz Frauen | Stundensatz Männer | Stundensatz-Gap | Einkommen / Monat Frauen | Einkommen/ Monat Männer | Einkommens-Gap |
| 2026 | 96 € | 104 € | – 8 % | 4.147 € | 7.318 € | -43 % |
| 2025 | 99 € | 103 € | -4 % | 5.594 € | 7.974 € | -30 % |
| 2024 | 97 € | 101 € | -4 % | 5.030 € | 7.750 € | -35 % |
Beim Monatseinkommen ist die Entwicklung noch deutlicher. Von 35 Prozent Lücke in 2024 über 30 Prozent in 2025 ist der Gap in 2026 auf 43 Prozent gesprungen. Beide Gruppen haben in diesem Jahr Einbußen hinnehmen müssen, aber Frauen hat es erheblich stärker getroffen.
Das ist kein Zufall: In schwächeren Marktphasen, wenn das Auftragsvolumen insgesamt zurückgeht, leiden besonders jene, die strukturell seltener in langfristigen Projekten mit hohem Volumen verankert sind.
Gender Pay Gap verkleinern: Was Freelancerinnen selbst tun können
Der Gender Pay Gap ist ein strukturelles Problem, das sich historisch nur sehr langsam verändert. Bei Angestellten hat sich der unbereinigte Gap laut Statistischem Bundesamt in den letzten 30 Jahren von rund 24 Prozent auf 16 Prozent verringert, also gerade einmal acht Prozentpunkte in drei Jahrzehnten.
Rechnet man wie Destatis zusätzlich Unterschiede bei Arbeitszeit und Erwerbsbeteiligung ein, liegt die erweiterte Verdienstungleichheit 2025 sogar bei 37 Prozent und stagniert. Bis sich das strukturell ändert, wird es noch einige Zeit dauern.
Das bedeutet nicht, dass Freelancerinnen bis dahin warten müssen. Einige der Hebel, die die Lücke vergrößern, lassen sich individuell beeinflussen, auch wenn die strukturellen Ursachen weit über die einzelne Person hinausgehen.
5 Hebel für ein höheres Einkommen als Freelancerin

Fachgebiet strategisch prüfen
Wer in Design, Medien oder Marketing tätig ist, sollte prüfen, ob eine Spezialisierung in Richtung Beratung möglich ist, etwa als UX-Strategin, Content-Strategin oder Marketing-Beraterin. Der Stundensatz-Unterschied zwischen Design und Kreativdiensten (89 €) und Beratung & Management (121 €) beträgt laut Freelancer-Kompass 2026 bis zu 32 €.
Ein anderer Weg ist die Positionierung innerhalb des eigenen Felds: Wer überwiegend operativ arbeitet, kann durch eine Positionierung als Strategin statt als Umsetzerin laut Freelancer-Kompass 2025 im Schnitt 14 € mehr pro Stunde erzielen.
Abrechenbares Volumen erhöhen
Ein großer Teil der Arbeitszeit fließt in nicht abrechenbare Tätigkeiten wie Akquise, Buchhaltung oder Administration. Laut Freelancer-Kompass 2026 sind das im Schnitt 12 Prozent der Wochenarbeitszeit. Wer diese Zeit durch Tools, Automatisierung oder Outsourcing reduziert, erhöht sein abrechenbares Volumen, ohne länger arbeiten zu müssen.
Bei Verlängerungen aktiv nachverhandeln
Viele Freelancerinnen übernehmen den bestehenden Stundensatz bei Projektverlängerungen einfach weiter. Das ist eine verpasste Gelegenheit. Eine Verlängerung ist der natürliche Moment, um den Preis anzupassen, denn der Auftraggeber kennt bereits die Qualität der Arbeit und hat ein Interesse daran, die Zusammenarbeit fortzusetzen.
Netzwerke zur Stundensatztransparenz nutzen
Wer weiß, was Kolleginnen im gleichen Fachgebiet verlangen, verhandelt selbstbewusster. Netzwerke für Freelancerinnen bieten genau das: Austausch über Stundensätze, gegenseitiges Empfehlen für hochwertige Projekte und Erfahrungen mit Auftraggebern teilen. Das ist einer der wirksamsten Hebel, der sich ohne strukturelle Veränderungen sofort nutzen lässt.
Altersvorsorge nicht vergessen
Die Einkommenslücke setzt sich im Alter fort. Aus den Daten des Freelancer-Kompass 2026 für Deutschland geht hervor, dass männliche Freelancer im Schnitt 1.102 € pro Monat für die Altersvorsorge zurücklegen, Frauen nur 590 €.
Das ist ein Gender Pension Gap von 54 Prozent. Wer heute weniger verdient und weniger zurücklegt, trifft im Alter auf einen doppelten Nachteil. Die Altersvorsorge sollte deshalb unabhängig vom laufenden Einkommen ein fester Bestandteil der Finanzplanung sein.
Mehr Tipps zum erfolgreichen Netzwerken gibt es hier.
Gender Pay Gap reduzieren: Maßnahmen für Auftraggeber
Viele Freelancerinnen kennen die strukturellen Ursachen des Gaps, haben aber wenig Einfluss darauf, wie Auftraggeber Projekte vergeben. Das zu verstehen hilft trotzdem: bei Verhandlungen, bei der Wahl von Auftraggebern und beim Einordnen der eigenen Einkommenssituation.

Vergütungsrahmen transparent gestalten
Ein einheitlicher Stundensatz für vergleichbare Tätigkeiten unabhängig vom Geschlecht schließt den Preis-Gap automatisch. Dass im Angestelltenverhältnis selbst bereinigt noch 6 Prozent Unterschied bestehen, deutet auf systematische Vergütungsmuster hin, die sich im Freelancing replizieren.
Freelancerinnen aktiv für hochwertige Projekte berücksichtigen
In IT-nahen Hochwerttätigkeiten sind Frauen stark unterrepräsentiert. Wer aktiv nach qualifizierten Frauen für SAP-, Data- oder Infrastrukturprojekte sucht, erweitert seinen Talentpool in einem knappen Markt.
Projektvolumen und -struktur fair vergeben
Kurze Einzelprojekte und langfristige Engagements unterscheiden sich erheblich im Jahreseinkommen, auch bei gleichem Tagessatz. Wer Freelancerinnen regelmäßig mit Kurzprojekten beauftragt und Männer mit langen Engagements, produziert eine strukturelle Lücke ohne einen einzigen Preisunterschied.
Fazit: Gender Pay Gap bei Freelancern 2026
Der Gender Pay Gap im Freelancing fällt beim Stundensatz zwar geringer aus als im Angestelltenverhältnis, beim Monatseinkommen wächst die Differenz jedoch auf 43 Prozent an und hat sich zuletzt sogar vergrößert.
Ursache dafür ist nicht allein die Preisgestaltung. Vielmehr greifen mehrere Faktoren ineinander: niedrigere Stundensätze, weniger abrechenbare Arbeitszeit und die stärkere Konzentration auf vergleichsweise schlechter vergütete Fachgebiete verstärken die Einkommenslücke zusätzlich.
Gut ein Drittel der Freelancer erwartet für das laufende Jahr eine bessere Auftragslage, der Markt dreht sich leicht nach oben. Das ist eine Gelegenheit. Wer den eigenen Stundensatz kennt, Fachgebiet und Positionierung bewusst steuert und Projekte nach ihrem tatsächlichen Wert bewertet, kann die eigene Einkommenssituation aktiv gestalten.
Den Rest, also die strukturelle Konzentration in bestimmten Fachgebieten, den ungleichen Anteil an Sorgearbeit, die Vergütungsmuster zwischen Branchen, kann niemand allein lösen. Das braucht strukturellen Wandel. Und der entsteht nicht von selbst, sondern durch Menschen, die sich einsetzen, bewusst auftreten und die Lücke sichtbar machen, statt sie stillschweigend hinzunehmen.
