Freelancerinnen: Frauen in der SelbststÀndigkeit
Frauen sind im Freelancing weitaus seltener vertreten als MĂ€nner. Wir gehen der Sache nach und werfen einen aktuellen Blick auf Frauen in der SelbststĂ€ndigkeit, beleuchten Chancen und HĂŒrden im Freelancing und zeigen, warum gerade jetzt Bewegung in das Thema kommt.
Deutschland landet im Global Gender Gap Report 2024 des Weltwirtschaftsforums auf Platz sieben â das ist zwar ein deutlicher Fortschritt gegenĂŒber den letzten Jahren. Doch besonders in der Wirtschaft und in Branchen wie IT & Software hinkt die Gleichstellung weiterhin: Frauen sind dort nach wie vor unterreprĂ€sentiert und verdienen im Schnitt noch immer weniger als ihre mĂ€nnlichen Kollegen.
Die typische Freelancerin
Auch in der Welt der SelbststÀndigkeit zeigt sich dieses Bild. Frauen sind im Freelancing deutlich seltener vertreten als MÀnner. Doch wer sind eigentlich die Frauen, die den Schritt in die SelbststÀndigkeit wagen? Schauen wir uns die Details und Daten von freelancermap sowie dem Freelancer-Kompass 2026 genauer an:
Die typische Freelancerin ist im Schnitt 43 Jahre alt, bringt rund neun Jahre Berufserfahrung mit in die SelbststÀndigkeit und arbeitet etwa 37 Stunden pro Woche. Ihr durchschnittlicher Stundensatz liegt bei rund 100 Euro.

Freelancerinnen im DACH Raum
Immerhin: Fast jeder zweite Freelancer ist weiblich. Unter den SoloselbststĂ€ndigen liegt der Frauenanteil aktuell bei gut 41 Prozent, bei Unternehmen mit BeschĂ€ftigten dagegen nur bei rund 26 Prozent. Ăber alle Branchen hinweg ergibt sich damit ungefĂ€hr ein VerhĂ€ltnis von einem Drittel Frauen zu zwei Dritteln MĂ€nnern â allerdings mit deutlichen Unterschieden je nach Branche.
Gerade in der IT- und Digitalbranche fehlen Frauen. Dabei bietet insbesondere dieser Bereich enorme Chancen fĂŒr flexible Arbeitsmodelle, attraktive Honorare und ortsunabhĂ€ngiges Arbeiten â also genau die Faktoren, die viele ins Freelancing ziehen.
Eine, die diesen Schritt gegangen ist, ist Maria PreuĂmann aus Berlin. Die freiberufliche SEO-Content Managerin und Webdesignerin startete 2018 ins Freelancing. An der SelbstĂ€ndigkeit gefĂ€llt ihr das Tempo und die Dichte an Herausforderungen:
„Der Kontakt mit dem Kunden kommt oft schnell zustande, dann wirst du ins Projekt reingeworfen, setzt es um und dann geht du wieder raus. Danach wartet das nĂ€chste Projekt â die nĂ€chste Herausforderung. Und parallel gibt es immer noch kleine interessante Projekte oder du nutzt die Zeit fĂŒr persönliche Weiterentwicklung oder Freizeit.“

An der SelbststÀndigkeit gefÀllt mir das Tempo und die Dichte an Herausforderungen. Gerade im digitalen Sektor entwickeln sich die Dinge sehr schnell. Niemand in der Branche kann sich Stillstand leisten, man ist immer gefordert, sich weiterzuentwickeln.
Maria PreuĂmann, freiberufliche SEO-Content Managerin und Webdesignerin aus Berlin
Verhandlungen: Warum Frauen oft vorsichtiger auftreten
Die McKinsey Studie âWomen Matterâ zeigt, dass Frauen im Berufsleben, ob freiberuflich oder angestellt, oft mit Selbstzweifeln und Versagensangst zu kĂ€mpfen haben. Beispielsweise strebt, laut dieser Studie, knapp jede zweite Frau eine FĂŒhrungsposition an, jedoch glauben nur 25 Prozent dieser Frauen, dass sie eine solche Position auch tatsĂ€chlich erreichen können.
Dieser Umstand lĂ€sst sich auch auf den Gender-Pay-Gap ĂŒbertragen: Die amerikanische Wissenschaftlerin Linda Babcock schreibt in ihrem Buch âWomen donât askâ beispielsweise, dass MĂ€nner viermal hĂ€ufiger Gehaltsverhandlungen initiieren als Frauen. Die Autorin sagt zudem, dass die meisten Frauen eine solche Verhandlungen mit einem âBesuch beim Zahnarztâ vergleichen wĂŒrden.
Honorare und Selbstpositionierung bei Freelancerinnen
Im Freelancing, wo Honorare regelmĂ€Ăig und selbstbewusst verhandelt werden mĂŒssen, hat das starke Auswirkungen: MĂ€nnliche Freelancer lehnen Projekte deutlich hĂ€ufiger ab, wenn der angebotene Stundensatz zu niedrig ist (72%).
Freelancerinnen hingegen akzeptieren solche Konditionen öfter oder wÀgen stÀrker ab. Sie lehnen Projekte mit zu niedrigem Honorar in etwa genauso hÀufig ab wie Projekte, die nicht zu ihren fachlichen Kompetenzen passen (64%).
Solche Unterschiede in Wahrnehmung und Selbstpositionierung erleben viele Freelancerinnen auch im Projektalltag. Maika Paetzold, selbststĂ€ndige Digitalstrategin und UX-Expertin, berichtet, dass Frauen hĂ€ufig in unterstĂŒtzende Rollen gedrĂ€ngt werden, obwohl sie weit mehr leisten könnten:
Ich sehe oft, dass Frauen hĂ€ufiger fĂŒr unterstĂŒtzende Rollen eingeplant werden â selbst bei höherer Qualifikation und besseren Referenzen. Ich sehe aber auch, dass fachliche Klarheit, saubere Argumentation und ĂŒberzeugende Ergebnisse langfristig stĂ€rker wirken.
Maika Paetzold, Digitalstrategin und UX-Expertin mit Fokus auf Solution Architecture
Gender-Pay-Gap im Freelancing: Frauen verdienen oft weniger als MĂ€nner
Laut Freelancer-Kompass 2026 verdienen Frauen in der SelbststÀndigkeit im Schnitt rund vier Euro weniger pro Stunde als ihre mÀnnlichen Kollegen. Was zunÀchst nach einem kleinen Unterschied klingt, macht sich im Monat deutlich bemerkbar: MÀnnliche Freelancer kommen durchschnittlich auf etwa 7.175 Euro, wÀhrend Freelancerinnen im Schnitt rund 4.097 Euro aus Projektarbeit erzielen.
Der Gender-Pay-Gap im DACH-Raum belĂ€uft sich auf 4âŹ. 2022 lag der Wert noch bei 10âŹ. Somit hat sich die LĂŒcke innerhalb von 4 Jahren immerhin um 6 Euro geschlossen.
Dieser Gap spiegelt sich stark in der Zufriedenheit der Freelancerinnen wider. WÀhrend knapp 58% der mÀnnlichen Freelancer finden, dass sie ausreichend entlohnt werden, geben nur 42% der Frauen an, mit ihrem Verdienst wirklich zufrieden zu sein.

Die Top-Fachgebiete unter Freelancerinnen
Freelancerinnen sind besonders hÀufig in Beratung und Management (24 %) tÀtig, gefolgt von Marketing und Kommunikation (20 %) sowie der Design-, Medien- und Kreativbranche (13 %).
Gerade diese Bereiche zeichnen sich hĂ€ufig durch flexible Projektstrukturen und groĂe kreative GestaltungsspielrĂ€ume aus.

Diese Vorteile sehen Frauen im Freelancing
Im Freelancing rĂŒcken eigene Entscheidungen in den Vordergrund â der Wunsch, sich selbststĂ€ndig zu machen, ist oft tief verwurzelt in dem BedĂŒrfnis nach UnabhĂ€ngigkeit.
Der Freelancer-Kompass 2026 zeigt: 58% der befragten Frauen sehen den gröĂten Vorteil der SelbststĂ€ndigkeit in der freien Zeiteinteilung. Daneben empfinden Freelancerinnen ortsunabhĂ€ngiges Arbeiten (57%) und die Entscheidungsfreiheit (48%) als zusĂ€tzliche Vorteile, die in die SelbststĂ€ndigkeit locken.
Zudem gewinnen Soft-Skills an Bedeutung – allen voran die KommunikationsfĂ€higkeit. Eine Studie der Cambridge UniversitĂ€t belegt, dass Frauen in der Regel empathischer agieren und ihnen damit auch die zwischenmenschliche Interaktion und das Teamwork bei beruflichen Projekten leichter fĂ€llt.
Die gröĂten Herausforderungen fĂŒr Freelancerinnen
So sehr Frauen in der SelbststĂ€ndigkeit profitieren â sie sehen sich auch mit Herausforderungen konfrontiert, die sie aus ihrem AngestelltenverhĂ€ltnis hĂ€ufig nicht kennen.
So nannten 50% der Befragten aus dem Freelancer-Kompass 2026 unklare Anforderungen und Briefings als die gröĂte Herausforderung in der Projektkommunikation. Dicht gefolgt von verzögerten RĂŒckmeldungen (49%) und fehlende Entscheidungskompetenz beim Kunden (41%).
Und die gröĂten HĂŒrden in der SelbststĂ€ndigkeit an sich? Hier geben die befragten Frauen an, dass die Auftragsakquise zur gröĂten Belastung gehört (60%), gefolgt von einer unsicheren Einkommens- und Auftragslage (49%) und einem schwankenden Einkommen (29%).

Frauen in der IT
Der Frauenanteil in der IT-Branche liegt in Deutschland aktuell bei etwa 30 Prozent â und das, obwohl der Bedarf an FachkrĂ€ften enorm ist. Laut Branchenverband Bitkom sind derzeit ĂŒber 100.000 IT-Stellen unbesetzt. Es fehlt also an qualifizierten Spezialisten â LĂŒcken, die auch hochqualifizierte Frauen schlieĂen könnten.
Das zeigt auch die Praxis. IT-Beraterin und Agile Coach Radosveta Delcheva arbeitet seit 2017 freiberuflich an der Schnittstelle zwischen Prozessberatung und technischer Umsetzung, unter anderem in regulierten Branchen wie Finanzwesen, Infrastruktur und Pharma:
Frauen sind im Freelancing deutlich sichtbarer geworden, insbesondere seit 2022. Es gibt stÀrkere Netzwerke und mehr Expertinnen, die in technischen Nischen prÀsent sind. Dennoch liegt der Frauenanteil in IT-Projekten oft noch unter 25 Prozent.
Radosveta Delcheva, freiberufliche IT-Beraterin und Agile Coach
Stereotype in der Tech-Branche
Eine Bitkom-Studie zum Weltfrauentag 2026 zeigt, dass sich stereotype Vorstellungen in der Branche weiterhin hartnÀckig halten:
- 43 Prozent der Unternehmen sind der Meinung, MĂ€nner seien grundsĂ€tzlich besser fĂŒr IT- und Digitalberufe geeignet.
- In keiner einzigen deutschen IT- oder Digitalabteilung arbeiten mehr Frauen als MĂ€nner.
- In 89 Prozent der Unternehmen liegt der Frauenanteil unter 50 Prozent.
Dass Rollenbilder oft unbewusst wirken, zeigt auch eine Erfahrung aus einem Projekt der Digitalstrategin Maika Paetzold:
Bei einem Projekt wurden die Zugangsdaten fĂŒr die technische Infrastruktur neu verteilt. Mein Zugang lieĂ auf sich warten. Auf Nachfrage stellte sich heraus: Die IT hatte die Berechtigungen auf einen âMaikâ ausgestellt â nicht auf eine âMaikaâ.
Maika Paetzold, Digitalstrategin und UX-Expertin mit Fokus auf Solution Architecture
Solche Situationen mögen zunĂ€chst banal erscheinen. Sie zeigen jedoch, wie stark stereotype Erwartungen in technischen Umfeldern noch immer prĂ€sent sind â und wie sie ProduktivitĂ€t und Innovation auf mehreren Ebenen behindern können.
Auch im Projektalltag erlebt Paetzold, dass Frauen in technischen Kontexten hÀufiger unterschÀtzt werden:
In technisch dominierten Projektumfeldern wird man als Frau manchmal unterschĂ€tzt, denn gerade in der IT sind Frauen â auĂerhalb von Projektmanagement und Gestaltung â eher selten. Gleichzeitig erlebe ich, dass DiversitĂ€t in Innovationsprozessen nachweislich bessere Ergebnisse hervorbringt und ein Pluspunkt sein kann.
Maika Paetzold, Digitalstrategin und UX-Expertin mit Fokus auf Solution Architecture
Stereotype zu bedienen, heiĂt, sich selbst im Weg stehen. Unternehmen verpassen die Chance auf echte Innovation und strategisches Vorankommen, wenn sie die HĂ€lfte der Bevölkerung aufgrund veralteter Rollenbilder nicht mitdenken.
Hoffnung durch Nachwuchs und neue Netzwerke
Gleichzeitig gibt es positive Entwicklungen. Das Interesse junger Frauen an MINT-StudiengÀngen steigt. Laut Spiegel sind inzwischen 36 Prozent der Informatikstudierenden weiblich.
Das lĂ€sst hoffen, dass kĂŒnftig mehr Frauen auch den Weg in technische Freelancer-Projekte finden. Dass Frauen bereits heute in hochkomplexen technischen Bereichen erfolgreich arbeiten, zeigt auch die Erfahrung von Radosveta Delcheva:
Das Vorurteil, dass Frauen primĂ€r âweicheâ Themen besetzen und weniger tief in technischer Architektur oder komplexen Governance-Strukturen verwurzelt sind, hĂ€lt sich hartnĂ€ckig. Mein Werdegang als ITIL 4 Master und PRINCE2 Agile Expert zeigt jedoch: Tiefes methodisches Wissen und technologisches VerstĂ€ndnis sind unabhĂ€ngig vom Geschlecht. Kompetenz ist geschlechtsneutral.
Radosveta Delcheva, freiberufliche IT-Beraterin und Agile Coach
Fazit
Frauen sind nach wie vor in der Freelancer-Welt wie auch in der Tech-Branche unterreprÀsentiert, womit es an starken, mutigen Vorbildern mangelt.
Erfreulicherweise verblasst das veraltete RollenverstĂ€ndnis von Mann und Frau von Generation zu Generation, was unter anderem zum steigenden Interesse von jungen Frauen an MINT-Berufen fĂŒhrt, und auĂerdem zur Folge hat, dass immer mehr Frauen in der IT beschĂ€ftigt sind.
Zudem wurden in den letzten Jahren Förderprogramme wie ExistenzgrĂŒnderinnen“ und Messen wie die „herCAREER“ speziell fĂŒr die UnterstĂŒtzung von selbststĂ€ndigen Frauen ins Leben gerufen. Solche MaĂnahme verstĂ€rken die Hoffnung auf eine ausgeglichene und selbstbewusste Freelancer-Zukunft!