Der Beginn einer E-Lance Economy

27.12.2010

Chancen von Freiberuflern in einer vernetzten Gesellschaft

Wir gehen ein paar Jahre zurück zu den Anfangstagen des Internets im September 1998. Wer zu dieser Zeit das Harvard Business Review aufgeschlagen hat, konnte dort einen Artikel finden, in dem sich die Aufbruchs- und Pionierstimmung jener Tage wiederfindet. Thomas Malone und Robert Laubacher, Professoren am bekannten Massachusetts Institute of Technology (MIT) veröffentlichten zu dieser Zeit ihren bahnbrechenden Artikel „The Dawn of the E-Lance Economy“ (1), der bis heute vielfach zitiert und diskutiert wurde und damals für viel Furore sorgte. Im Rahmen ihrer Forschungsarbeit untersuchten sie die Arbeitsorganisation des 21. Jahrhunderts und entwarfen eine Vision der Zukunft. Dabei haben sie den Begriff der E-Lancer-Ökonomie geprägt und erfunden. Für diese neue Art von Wirtschaftsordnung haben sie aus den beiden Worten „electronically“ und „Freelancer“ das Kunstwort „E-Lancer“ erschaffen, folglich ist die neue Wirtschaftsordnung in Anlehnung an die New Economy die „E-Lance Economy“. In der neuen E-Lance Economy findet das Wirtschaften nicht mehr in klassischen Abteilungsstrukturen innerhalb eines Unternehmens, sondern in einer neuen Art dezentraler Organisation statt. Diese neue Art von Organisation besteht aus untereinander vernetzt arbeitenden Freiberuflern.

Die treibende Kraft für die Veränderung der heutigen Arbeitswelt ist die Globalisierung und der globale Wettbewerb. Das führt zu einer schnelleren Veränderung von Prozessen. Diese Entwicklung wurde durch neue Technologien wie das Internet und die mobile Kommunikation, die im Laufe der Zeit tendenziell immer preisgünstiger wurden, überhaupt erst möglich gemacht. In einem solchen Umfeld ist ein zentralisierter Prozess, indem die Zentrale alles steuert und die Fäden in der Hand hält, viel langsamer und schwerfälliger als eine dezentrale vernetzte Struktur. In der heutigen Wirtschaft wird die Mehrheit der Arbeit in großen Unternehmen erledigt, in der hunderte oder tausende von angestellten Mitarbeitern die im Unternehmen anfallenden Aufgaben erledigen. Eine andere davon abweichende Art, die Arbeit zu organisieren, wird beispielsweise schon seit langem in der amerikanischen Filmindustrie praktiziert. Hier schließen sich von einander unabhängige Selbständige für ein in seiner Art einzigartiges Projekt zusammen. Wenn der Film gedreht wird, arbeiten Drehbuchautoren, Produzenten, Schauspieler, Techniker und viele andere Menschen für dieses einmalige Projekt zusammen. Wenn der Film in die Kinos kommt, sind die am Film beteiligten Akteure schon wieder im nächsten Projekt, aber in einer anderen Zusammensetzung.

Die Autoren übertragen diese Art der Organisation auf andere Bereiche. Sie kommen zu dem Schluss, dass dieser „Trend zu einer Dezentralisierung von großen permanenten Unternehmensformen hin zu flexiblen, zeitlich begrenzten Netzwerken von Individuen führen wird. Keiner kann jetzt schon genau vorhersagen, wie wichtig oder weit verbreitet diese neue Form der Organisation werden wird. Vorstellbar ist, dass diese neue Arbeitsform im 21. Jahrhundert das sein wird, was die Industriegesellschaft für das 20. Jahrhundert war.“ (2).

Das auch nach 10 Jahren Brandaktuelle und Spannende an Malone‘s Thesen ist die Wertschätzung und Bedeutung die er den E-Lancern beimisst. In der öffentlichen Diskussion in Deutschland spielt der Freiberufler höchstens dann eine Rolle, wenn es darum geht, den permanent knappen öffentlichen Haushalten und Versorgungsträgern mit Themen wie beispielsweise Gewerbesteuerpflicht und Scheinselbständigkeit Gelder einzusammeln. In einer Diskussion um die Zukunftsfähigkeit des Landes oder in einer möglichen Antwort auf die Globalisierung spielen Freiberufler jedoch keine Rolle. Meiner Ansicht nach liefert Malone wissenschaftlich fundierte Argumente für Freiberufler in der Stärkung ihrer Rolle in der Gesellschaft und in konkreten Projekten.

Selbst wenn wir heute noch nicht in einer E-Lance Economy leben, wird durch die konkreten Erfolge in Projekten, die Position von Freelancern gestärkt. Eine neuere Studie (3)  belegt, dass gemischte Projektteams aus Freelancern und Angestellten bessere Projektergebnisse erzielen als reine Teams von Angestellten. Dies kann man durchaus als einen späten Beweis für die Richtigkeit von Malone’s Thesen werten.

In einem Interview (4)  wurde Professor Malone die interessante Frage gestellt, was denn in der neuen Welt der E-Lance Economy mit den ganzen Angestellten passiert, wenn die Zukunft den E-Lancern gehört. Hierauf seine Antwort: „Nach meinem Gefühl und meiner Intuition, die ich natürlich nicht beweisen kann, gibt es in der heutigen Welt mehr Menschen, welche die Fähigkeit und den Wunsch haben unabhängig, unternehmerisch und eigenverantwortlich zu handeln als es Chancen in den heutigen Organisationen gibt. Meine Hoffnung ist, dass eine E-Lance Economy einen besseren Ausgleich zwischen den Wünschen und Chancen der Menschen schaffen wird. Menschen, die eine größere Unabhängigkeit in ihrer Karriere haben wollen, könnten diese Chance bekommen; gleichzeitig wird es aber auch noch eine stabile Arbeitsumgebung mit Langzeitjobs geben. In diesem Sinne werden wir für beide Typen von Menschen ein Arbeitsumfeld vorfinden, in dem sie glücklich und zufrieden sind.“ (5).

Ob Malone mit seinen Visionen Recht behalten wird, werden die nächsten Jahre zeigen. Wir als Freiberufler haben jedoch einen großen Fürsprecher und die wissenschaftliche Theorie auf unsere Seite. Es ist jetzt an uns, diese Chance zu nutzen und eine neue Ära, die E-Lance Economy mit Leben zu füllen.

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(1) Harvard Business Review vom 1.9.1998, S. 145 ff., Thomas W. Malone, Robert J. Laubacher: The Dawn of the E-Lance Economy
(2) ebd.

(3) Resoom Magazine 02/2008, S. 22 f., Frank Schabel: Mixed Teams – Treiber des Projekterfolgs

(4) Contract Professional Magazine vom 21.12.2000, Jim Wolken: The Dawning of Opportunity - An Interview with MIT"s Thomas Malone
(5) ebd.

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