Freelancer werden in der GKV ab 2019 entlastet

28.11.2018

Freelancer haben grundsätzlich die Wahl zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung. Für diejenigen, die sich für die GKV entschieden haben, gibt es ab 2019 substanzielle Entlastungen.

Das von Gesundheitsminister Jens Spahn eingebrachte Versichertenentlastungsgesetz sieht eine ganze Reihe von Veränderungen in der gesetzlichen Krankenversicherung vor und soll langfristig für eine Entlastung in einer Größenordnung von etwa 8 Milliarden € sorgen.


Die Entlastungen im Überblick

Nicht nur Selbständige profitieren vom neuen Gesetz. Nachfolgend ein Kurzüberblick über die Neuerungen:



Entlastung von Arbeitnehmern und Rentnern
  • Arbeitnehmer und Arbeitgeber bzw. Rentner und die Rentenversicherung teilen sich ab 2019 wieder den gesamten Beitrag. Bisher wurde zwar der allgemeine Beitragssatz in Höhe von 14,6% gleichmäßig aufgeteilt, nicht aber der Zusatzbeitrag.
  • Arbeitgeber bzw. die Rentenversicherung werden entsprechend stärker belastet.
  • Für die Krankenkassen selbst ändert sich hier letztlich nichts.

Die Reserven der Kassen müssen abgebaut werden
  • Die gute wirtschaftliche Entwicklung hat den Krankenkassen hohe Überschüsse beschert und entsprechende Reserven generiert.
  • Diese Reserven dürfen künftig die Ausgaben eines Monats nicht mehr übersteigen.
  • Die Beitragszahler müssen entsprechend entlastet werden.

Einfacherer Zugang zur GKV für Zeitsoldaten
  • In Zukunft können sich Zeitsoldaten nach ihrem Dienstende direkt freiwillig gesetzlich versichern.
  • Die Soldaten erhalten am Ende ihrer Dienstzeit einen Zuschuss zu den Krankenversicherungsbeiträgen anstatt der bisherigen Beihilfe.

Die übrigen Änderungen betreffen ungeklärte Mitgliedschaften, die entstehen, wenn ein freiwillig Versicherter nicht mehr auffindbar ist, keine Beiträge mehr zahlt und keine Leistungen in Anspruch nimmt. In diesem Fall wird der Versicherte bisher grundsätzlich zum Höchstbeitrag weiterversichert, was bei der Kasse fiktive Beitragsschulden in erheblichem Umfang erzeugt. Künftig sollen die Krankenkassen solche „passiven“ Mitgliedschaften beenden.

Der letzte erwähnenswerte Punkt betrifft die Möglichkeiten der Krankenkassen, ihre betriebsinternen Altersrückstellungen anzulegen. Der Anteil an Aktien darf ab 2019 von bisher 10% auf 20% erhöht werden, um den Kassen die Erwirtschaftung höherer Zinsen zu ermöglichen.



Entlastung von Selbständigen und Freelancern

Nun zu den Änderungen für Freelancer, die wir Ihnen detailliert vorstellen möchten: Derzeit fallen für Selbständige, die sich freiwillig gesetzlich krankenversichern, pro Monat mindestens 422 € für Kranken- und Pflegeversicherung an. Der Grund für den hohen Mindestbeitrag ist die hohe Mindestbemessungsgrundlage des Einkommens, die bisher bei 2.283,75 € lag (2018). Mit dem neuen Jahr sinkt diese auf 1.038,33 € und damit sogar etwas stärker als es im Gesetzentwurf ursprünglich vorgesehen war (1.168,13 €). Übrigens hatten die FDP und die Linke sogar gefordert, die Mindestbemessungsgrenze auf 450 € zu senken.


Die Korrekturen sind lange überfällig

Der Gesetzgeber nimmt damit eine längst überfällige Korrektur vor. Bei den bisherigen Bemessungsgrundlagen und Regelungen wurde immer davon ausgegangen, dass ein Selbständiger grundsätzlich auch überdurchschnittliche Einkünfte hat. Die Selbständigen waren in der Vergangenheit in den Augen des Gesetzgebers in der Regel Vertreter hochdotierter Berufe wie Ärzte oder Anwälte. Die zunehmende Bedeutung der Selbständigkeit quer durch die Gesellschaft und viele Berufe wurde vernachlässigt. Da die Beiträge der GKV einkommensabhängig sind, entstanden so die sehr hohen Mindestbeiträge. Dadurch mussten auch Selbständige, deren Einkünfte darunter lagen, den Mindestbeitrag zahlen. Die finanzielle Belastung war also höher, als sie entsprechend der tatsächlichen Einkünfte hätte sein müssen.

Nun soll der veränderten Lebens- und Einkommenssituation dieser Mitgliedergruppe Rechnung getragen werden, weil die hohen Beiträge Kleinselbständige mit gesetzlichem Versicherungsschutz häufig überfordern. Bei Selbständigen fällt zusätzlich belastend ins Gewicht, dass sie sich nicht wie Angestellte die Beiträge mit ihrem Arbeitgeber teilen können (siehe oben). Mit dem Versichertenentlastunggesetz sinkt der Mindestbeitrag nun auf ca. 160 € monatlich, was im Vergleich zu bisher eine Entlastung von maximal etwa 200 € pro Monat ermöglicht. Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums gehen von ca. 200.000 Selbständigen aus, die durch das neue Gesetzt entlastet werden.


Vereinheitlichung, Bürokratieabbau und weitere Verbesserungen

Die neu beschlossene Mindestbemessungsgrenze liegt auch deutlich unter der bisherigen Mindestbemessungsgrenze für Grundzuschussbezieher und weitere Selbständige. Die Unterteilung in zwei unterschiedliche Bemessungsgrenzen entfällt, was wiederum das zum Teil aufwendige Antragsverfahren vereinfacht und einen Bürokratieabbau ermöglicht. Die Unterscheidung zwischen haupt- und nebenberuflich Selbständigen ist damit hinfällig. Freelancer werden den übrigen freiwillig gesetzlich Versicherten gleichgestellt.

Erfreulich: Ab 2019 werden auch während des Bezugs von Krankengeld und Mutterschaftsgeld nur noch Beiträge entsprechend des tatsächlich erzielten Einkommens erhoben. Die Pflicht zur Zahlung der bisher geltenden Mindestbeiträge gibt es dann nicht mehr. Dies bedeutet eine zusätzliche Entlastung für Freelancer und Kleinselbständige. Die letzte Verbesserung greift bei Änderungen des Verdiensts von Freelancern und betrifft die damit verbundenen Beitragsanpassungen. Zwar konnten auch in der Vergangenheit die Beiträge durch Nachweis eines geringeren Einkommens auf den ermäßigten Satz gesenkt werden. Das musste aber schnell, nämlich innerhalb von 3 Monaten nach der Verringerung des Einkommens geschehen, um rückwirkend zu gelten. Das neue Gesetz erweitert diese Frist auf 12 Monate.


Fazit:

Das neue Gesetz ist gerade für Freelancer, die sich in der Anfangsphase ihrer Karriere mit entsprechend noch relativ niedrigem Einkommen befinden eine echte Entlastung. Begrüßenswert erscheint, dass die Politik langsam die steigende Bedeutung der Selbständigkeit in der gesamten Gesellschaft erkannt hat und sich dieser Gruppe annimmt.
 

Den kompletten Gesetzesentwurf können Sie hier einsehen:

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/GuV/V/GKV-VEG_GE-Kabinett.PDF





Bild: © Elnur - Fotolia.com.jpg

Weitere Artikel

  • Freelancer im Interview: Marco Imm

    Der ehemalige Elektroniker für Betriebstechnik und Angestellte im Bereich Zeitmanagement hatte 2014 die Idee, zukünftig ausgefallene Werbelösungen anbieten zu wollen und fand so den Weg in die Freiberuflichkeit. Seine Strategie in puncto Marketing bzw. was es für die Entwicklung von Werbemöglichkeiten in der Zukunft braucht, verrät das freelancermap-Mitglied Marco Imm in unserem Interview.
  • Freiberufliche oder angestellte Mitarbeiter - wann lohnt sich was?

    Die Arbeitswelt ändert sich im Zuge der Digitalisierung stetig. Da wo früher noch viele Mitarbeiter tätig waren, reicht heute meist eine kleine Gruppe für das gleiche Ergebnis. Verantwortlich dafür ist die fortschreitende Digitalisierung, durch die unterschiedliche Arbeitsmodelle gefördert werden und ortsunabhängige Arbeit ermöglicht wird. Doch wann lohnt es sich für ein Unternehmen Mitarbeiter fest anzustellen oder auf freie Mitarbeiter zurückzugreifen?
  • Bürosoftware für Selbstständige: Die besten Tipps

    Jeder, der als Freiberufler arbeitet, weiß, wie wichtig die richtige Software ist. Mit der optimalen Buchhaltung und dem richtigen Projektmanagement bleibt Freelancern ausreichend Zeit für ihre Ideen, ihre Kunden und die wichtigen Dinge.

Kommentare

  • Kommentar von Uwe Schmitz am 03.12.2018 um 15:46 Uhr

    Kleine Korrektur: Statt "Derzeit fallen für Selbständige, die sich freiwillig gesetzlich rentenversichern," sollte es "Derzeit fallen für Selbständige, die sich freiwillig gesetzlich krankenversichern," heißen. ;-)

  • Kommentar von Magnus Gernlein am 03.12.2018 um 16:08 Uhr

    Hallo Herr Schmitz. Vielen Dank für den Hinweis. Sie haben natürlich recht. Der Fehler wurde korrigiert.

Artikel kommentieren