Wie umgehe ich die Scheinselbstständigkeit?

Kein Freelancer möchte sich in der Scheinselbstständigkeit wiederfinden, dann würde er nämlich einen unrechtmäßigen Vorteil gegenüber normalen Angestellten haben. Wir zeigen Ihnen, wie Sie die Scheinselbstständigkeit umgehen können.




Viele Freelancer sind (bewusst oder unbewusst) scheinselbstständig. Das Problem ist oftmals fehlendes Wissen sowie Auftraggeber, die sie bewusst in die Scheinselbstständigkeit treiben, um Sozialabgaben zu sparen.


Was ist eine Scheinselbstständigkeit?

Freiberufler sind im Falle einer Scheinselbstständigkeit in alle betrieblichen Abläufen ihres Auftraggebers integriert; sie haben feste Arbeitszeiten, unterliegen den Anweisungen ihres Auftraggebers, tauchen auf dessen Website im Bereich Mitarbeiter auf und haben auch Visitenkarten mit dem Firmenlogo im Portemonnaie. Das sind nur einige Hinweise darauf, dass eine Scheinselbstständigkeit vorliegen könnte.

Warum ist das von Bedeutung? Beide Parteien sparen Geld, da keine Sozialversicherungsbeiträge anfallen. Selten sind solche Fälle nicht, wie die Studie Scheinselbstständigkeit im Journalismus des DJV-NRW zeigt. Zwar handelt es sich nicht um eine repräsentative Umfrage, da sie nur das Bundesland Nordrhein-Westfalen abdeckt und ausschließlich Journalisten miteinbezieht, dennoch lassen sich Rückschlüsse ziehen. Erschreckend ist das Ergebnis: Bis zu 66 Prozent der freien Mitarbeiter könnten scheinselbstständig sein.

Eine Studie des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales sowie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt, dass sich in Deutschland zwischen 235.000 und 436.000 Scheinselbstständige befinden; viele von ihnen werden schlechter als ihre Kollegen bezahlt, informiert CAPITAL.

Die Frage lautet nun: Wie können Betroffene die Scheinselbstständigkeit umgehen?


Scheinselbstständigkeit umgehen: Kriterien kennen

Das größte Problem ist, wie bereits gesagt, fehlendes Wissen. Zu wenige Freelancer und Unternehmer befassen sich mit dem Thema Scheinselbstständigkeit. Setzen Sie sich mit diesem Problem auseinander und lernen Sie alle Kriterien kennen, die für eine Scheinselbstständigkeit sprechen. Einige Beispiele:
 
  • Tätigkeit wird in der Firma des Auftraggebers ausgeübt
  • Eingliederung in Betrieb des Auftraggebers
  • persönliche Abhängigkeit vom Auftraggeber 
  • Vergütung von Überstunden
  • kein Unternehmensrisiko
  • fehlende Unternehmerinitiative
  • keine Beschaffung von Arbeitsmitteln

Die Folgen der Scheinselbstständigkeit

Die Scheinselbstständigkeit hat sowohl für Auftragnehmer als auch Auftraggeber schwerwiegende Folgen. Ersterer verliert seinen Status als Selbstständiger und wird zum Arbeitnehmer. Zwar erhält er neue Rechte (Kündigungsschutz, Urlaubsanspruch, etc.), jedoch muss er sein Gewerbe abmelden. Der Auftraggeber trägt rückwirkend alle Zahlungsverpflichtungen, sodass er die Beiträge für die Sozialversicherung begleichen muss – Säumniszuschläge sind unter Umständen inbegriffen. In schwerwiegenden Fällen kommt es sogar zu Bußgeldern und Gefängnisstrafen.


Digitalisierung schützt nicht vor Scheinselbstständigkeit

In Zeiten, in denen immer mehr Menschen von zu Hause oder anderen Orten der Welt aus arbeiten, bereitet die Scheinselbstständigkeit noch größere Probleme. Zu klären ist, ob der Freiberufler tatsächlich ein Unternehmer ist, für andere Auftraggeber arbeitet und ein unternehmerisches Risiko trägt.

Selbes gilt auch für Freelancer. Wer von seinem Homeoffice aus arbeiten möchte, sollte von Anfang an überlegen, wie er die Scheinselbstständigkeit umgehen kann. Auftraggebern muss klar gemacht werden, dass sie einer von vielen sind, für die Sie arbeiten; sagen Sie ihnen direkt, dass Sie kein Interesse haben, Teil des Unternehmens zu werden, um nicht scheinselbstständig zu werden.

Hierin liegt aber ein weiteres Problem: Wer heute nicht scheinselbstständig ist, kann es in Zukunft dennoch werden. Die Scheinselbstständigkeit müssen Sie folglich langfristig umgehen. Freelancer dürfen nicht vergessen, dass einige Auftraggeber kommen und gehen, jedoch immer mehrere übrig bleiben sollten und niemand die Oberhand bei der Auftragsvergabe erhalten darf.


Mit einer Corporate Identity die Scheinselbstständigkeit bekämpfen

Ein guter Außenauftritt hinterlässt nicht nur einen positiven Eindruck bei Ihren Kunden, sondern kann auch dabei helfen, die Scheinselbstständigkeit zu bekämpfen. Entwickeln Sie von Anfang an eine Corporate Identity, die verdeutlicht, dass Sie selbstständig sind. Beginnen Sie mit einer eigenen Website, einem Profil bei Xing sowie einem Eintrag in Branchenbüchern. Mit einem eigenen Firmenlogo machen Sie klar deutlich, dass Sie Ihr eigener Chef sind und nicht für andere Firmen arbeiten.


Mit Dienstverträgen Scheinselbstständigkeit umgehen

Freelancer sollten mit Auftraggebern Dienstverträge abschließen, in denen zweifelsfrei erkennbar ist, dass keine Scheinselbstständigkeit vorliegt. Achten Sie auf eine lückenlose Dokumentation, die keine Interpretation erlaubt; lassen Sie sich im Zweifel von einem Experten beraten.

Bedenken Sie, dass Verträge Sie nicht vor der Scheinselbstständigkeit schützen, auch wenn diese kreativ formuliert sind. Entscheidend ist, wie Ihr Arbeitsalltag in der Praxis verläuft, nicht wie er theoretisch sein sollte.


Checkliste: Scheinselbstständigkeit umgehen

Nachfolgend die wichtigsten Punkte zum Thema „Scheinselbstständigkeit umgehen“ zusammengefasst:
 
  • Informieren Sie sich umfassend zum Thema Scheinselbstständigkeit
  • Vergessen Sie nicht, dass Sie die Ausübung Ihrer Arbeit vom Homeoffice aus nicht vor der Scheinselbstständigkeit schützt
  • Arbeiten Sie immer für mehr als einen Auftraggeber
  • Lassen Sie sich nicht in Betriebsprozesse eingliedern
  • Vereinbaren Sie immer einen Dienstvertrag






Bild: © pathdoc - Fotolia.com
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Kommentare

  • Kommentar von Ulrich Moser am 25.01.2018 um 15:04 Uhr

    Hallo,

    bei diesem Artikel handelt es sich leider nach meiner Einschätzung lediglich um Gemeinplätze zum Thema Scheinselbstständigkeit, die zudem teilweise unzutreffend sind. So hilft es nicht, dass man gleichzeitig für mehrere Auftraggeber tätig ist. Dies war vor der Rechtsnovelle vom April 2017 ein Kriterium welches i.d.R. akzeptiert wurde. Mit der aktuellen Gesetzgebung wird Scheinselbstständigkeit allerdings immer aufgrund des jeweils einzelnen Vertrags bewertet. Es war auch vorher nicht erforderlich gleichzeitig(!) mehrere Auftraggeber zu haben. Wechselnde Auftraggeber innerhalb des Geschäftsjahres wurden typischerweise genauso akzeptiert. So kann man als Selbstständiger der Freelancer zugleich tatsächlich selbstständig und scheinselbstständig sein, weil ein Vertrag von der DRV als selbstständig eingestuft wird, ein anderer aber nicht. Auch die Arbeitsmittel sind nicht unbedingt ausschlaggebend. Arbeite jemand z.B. als Berater für Informationssicherheit, so kann es durchaus sinnvoll und ggf. aus regulatorischen Gründen sogar erforderlich sein, dass sie oder er für diesen Auftrag ein temporär überlassenes Notebook des Auftraggebers benutzt, auf dem die Daten nach Vorgaben des Auftraggebers gesichert sind. Auch ein gesicherter Zugang zum Unternehmensnetz des Auftraggebers, wie er für manche Tätigkeiten erforderlich kann dafür sprechen Arbeitsmittel des Kunden zu nutzen, um nicht parallel oder wiederholt unterschiedliche Zugangs- und Sicherheitsmechnismen auf dem eigenen System installieren und deinstallieren zu müssen, was langfristig zu Instabilität der eigenen Systeme führen kann.
    Wichtig ist tatsächlich die Tatsache, dass die oder der Selbsständige nicht fest in die Arbeitsabläufe des Auftraggebers eingebunden ist. Andererseits kann es durchaus zur Erledigung des Auftrags sinnvoll sein, dass sie / er regelmäßig an Statusmeetings teilnimmt ggf. remote, um Informationswege abzukürzen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass im Vertrag ein klares Lieferergebnis definiert wird. Wenn im Vertrag als Aufgabe allerdings steht, dass die / der Selbstständige eine nicht näher definierte Unterstützungsleistung ohne klar definiertes Ergebnis liefert, dann ist das ein Anzeichen von Scheinselbstständigkeit.
    Es gibt auf verschiedenen Plattformen z.B. XING sehr gut aufbereitete Artikel zu den aktuellen Gegebenheiten. Es wäre wahrscheinlich sinnvoller gewesen, auf solche Quellen zu verweisen.

  • Kommentar von Philipp Preischl am 25.01.2018 um 15:33 Uhr

    Sehr geehrter Herr Moser,

    vielen Dank für Ihre ausführliche Stellungnahme! Wie Sie schon anklingen haben lassen, entwickelt sich die Rechtslage weiter und wir werden den Artikel fortlaufend aktualisieren. Dabei versuchen wir, einen entsprechenden Kompromiß zwischen Komplexität und Zugänglichkeit zu finden. Detailfragen können leider aufgrund der individuellen Besonderheiten jedes Fachgebiets ohnehin nur in Eigenrecherche geklärt werden - daher hoffen wir, zumindest eine gewisse Grundsensibilität bei den Freelancern zu erwecken, die bisher noch keine Berührungspunkte mit der Materie hatten.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Philipp Preischl

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