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01.08.2017

Freelancer im Interview: Michael Löw


Als Fachwirt für Arbeitsstudium und Betriebsorganisation führt Herr Löw seine eigene Unternehmensberatung mit Schwerpunkt auf Arbeitssystem und Prozessgestaltung. Seine Erfahrungen und Ratschläge teilt das freelancermap-Mitglied mit uns in diesem ausführlichen Interview.





Kleine Aufwärmrunde - Stellen Sie sich unseren Lesern kurz vor:
Ich bin Michael Löw und bin Inhaber der von mir im Jahre 2016 gegründeten Unternehmensberatung Löw Industrial Engineering. Als Fachwirt für Arbeitsstudium und  Betriebsorganisation liegt ein Schwerpunkt meiner Dienstleistung auf der Arbeitssystem- und Prozessgestaltung. Ich gestalte, analysiere und optimiere branchenneutral bestehende und neue Arbeitssysteme, sowie Prozesse, nach ergonomischen, technischen, organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten unter Berücksichtigung humanitärer Einflusskriterien. Durch Arbeitsstudien ermittele ich unter Verwendung von traditionellen Methoden nach REFA und MTM neue Zeiten für Planung, Steuerung, Controlling und Entlohnung. Ebenso aufbauend auf diese Zeitstudien erstelle ich Planzeittafeln/-formeln und Zeitbausteinkataloge. Getreu dem Toyota Produktionssystem führe ich in Unternehmen Lean Management ein und coache die gesamte Belegschaft – vom Werker bis zum Geschäftsführer.

Was sind die Probleme und Aufgaben, bei denen Sie Ihren Kunden helfen? 
Die Schwerpunkte meiner Projekte und Dienstleistungen liegen immer im Bereich der Performance-Steigerung:  Wirtschaftlichkeit, Rentabilität und Produktivität müssen gesteigert, Ressourcen geschont und Standorte gesichert werden. Hierbei unterscheiden sich die Projekte von Fall zu Fall: Mal ist es eine Produktivitätssteigerung durch einen höheren Output, ein anderes Mal ist es die Kostenreduzierung durch eine Ausschussreduzierung und ein anderes Mal steht die Reduzierung von Personalkosten im Fokus. 
Meine Vorgehensweise ist immer die gleiche:

1. Ausgangssituation klären und dokumentieren
2. Ziele und Kriterium zum Messen der Zielerreichung festlegen
3. Groblösungen entwerfen, Varianten vergleichen und Vorzugslösung festlegen
4. Vorzugslösung definieren (Feinplanung)
5. Vorzugslösung realisieren
6. Neue Arbeitssituation konsolidieren

Meine Erfolge konnten verzeichnet werden, weil ich mich nicht auf Emotionen, sondern rein auf Zahlen, Daten und Fakten verlassen habe. Einige Kunden neigen dazu, den Lösungsweg bereits als Emotionen bei der Zielbeschreibung mit zu formulieren. Dies notiere ich mir zwar, blende dies allerdings im laufenden Projekt komplett aus. Die Emotionen zeigen meistens die zu verändernde Richtung, gehen aber oft nicht in die Wurzel. So ändert man zwar etwas an der Auswirkung, aber diese Maßnahmen wirken nur kurzfristig. Die Ursachen werden nicht nachhaltig abgestellt.


Reden wir über den Start Ihrer Karriere: Was hat für Sie den Ausschlag für das freiberufliche Leben gegeben?
Durch meine Tätigkeit in der Prozessoptimierung habe ich festgestellt, dass ich branchenübergreifende Erfolge verzeichnen konnte. Ich arbeite gerne. Mein Beruf kommt von Berufung und ist in keinster Weise „nur“ ein Job. Da ich ein Arbeitsverhältnis mit bis zu 18h/Tag innehatte und dies von meinem Arbeitgeber in keiner Weise wertgeschätzt wurde, habe ich mich entschlossen, dass ich die Masse von Arbeitszeit besser bzw. lieber in ein eigenes Unternehmen stecken möchte. Also habe ich mich auf dem Markt umgesehen. Zunächst hatte ich noch eine eigene kleine Metall- oder Kunststoffbearbeitung im Sinn. Nach den Besichtigungen mehrerer Unternehmen habe ich die Risiken analysiert und bewertet. Eine Investition von mehreren Hunderttausend bis hin zu mehreren Million Euro kam für mich nicht in Frage. Da die Arbeit des Prozessoptimierers häufig von Freelancern ausgeübt wird, entschloss ich mich zur freiberuflichen Tätigkeit. Ich möchte gerne die Lücke zwischen der klassischen-strategischen Unternehmensberatung und der Qualitätsmanagement-Beratung schließen. Somit schrieb ich im Jahre 2015 meinen Businessplan und realisierte in 2016 die Gründung von Löw Industrial Engineering. Zurzeit habe ich eine Vollzeit-Stelle als Continuous Improvement Manager und führe mein Unternehmen im Nebenerwerb. Für große Projekte stehen mir Mitarbeiter zur Verfügung. Die Projektstatusberichte gehen alle täglich über meinen Schreibtisch. Somit bin ich in jedem einzelnen Projekt involviert und kann überwachen, dass die Projekte nach meinen Vorgaben im Sinne der Kundenwünsche realisiert werden.

Erhalten Sie Projektanfragen dabei eher von bestehenden Kunden oder suchen Sie aktiv nach spannenden Aufgaben, die Sie besonderes reizen?
Bei der Suche nach neuen Projekten bin ich sowohl regional, als auch national, tätig. Bei den regionalen Projekten setze ich auf Werbung durch Empfehlungen. Im Einzelfall frage ich bei Unternehmen in der Umgebung auch gezielt nach, ob ich dort meine Dienstleistungen einmal vorstellen darf. Hinzu kommen diverse Netzwerke, in denen ich tätig bin. Durch Impuls-Vorträge steigere ich meinen Bekanntheitsgrad im Umfeld bis zu 100km um meinen Wohnort Bad Laasphe. Durch die geographische Lage in unmittelbarer Nähe zur Landesgrenze NRW / Hessen stehen mir mehrere Industrie- und Handelskammern zur Verfügung. Hier werde ich in Kürze eine Werbekampagne in den jeweiligen IHK-Monatszeitschriften starten. Als weiteres Medium nutze ich Webinare. Diese biete ich (zurzeit noch) kostenlos an. Sie sind i.d.R. ausgebucht. Durch die Webinare bekomme ich eine Menge Neukontakte. Außerdem nutze ich noch meine Netzwerke bei Facebook, Xing, LinkedIn und Twitter, sowie die Freelancer-Portale wie z.B. Freelancermap.

Natürlich sind wir jetzt gespannt – konnten Sie bei der Projektsuche gute Erfahrungen mit freelancermap machen?
Die Seite von Freelancermap gefällt mir sehr gut. Sie ist übersichtig und barrierefrei. Zum Teil findet man hier einige gute Kontakte, auch wenn ich noch keinen einzigen Auftrag hierüber erhalten habe. Leider sind sehr viele Projekte von Engineering-Dienstleistern. Im Falle einer Kommunikation, die schon sehr schwer mit diesen diversen Anbietern zustande kommen, stellt sich schnell heraus, dass die geforderten Qualifikationen für die gebotenen Stundenverrechnungssätze nicht zu realisieren sind. Da die Projekte budgetiert sind, muss natürlich der Preis rückwärts kalkuliert werden. Dies bedeutet letztlich, dass der Dienstleister die Dienste für einen geringen Tagessatz verkaufen soll. Ein Dienstleister arbeitet selten mit 100% Auslastung, man kann von ca. 60% bis 65% abzurechnender Zeit ausgehen. Das Defizit aus „niedriger Stundenverrechnungssatz“ und „Auslastung <100% verursacht, dass nicht kostendeckend gewirtschaftet werden kann. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass die Projekte direkt vom Kunden angeboten werden. Einen „Zwischenhandel“ über diese Anbieter verursachen unnötig höhere Kosten und sind katakana muda (Verschwendung, die sofort zu eliminieren ist).

Was machen Sie, wenn Sie nicht in Ihr Spezialgebiet vertieft sind? Welche Themen innerhalb, aber auch außerhalb der IT-Branche interessieren Sie?
Wie bereits geschrieben, ist mein Beruf auch meine Leidenschaft. Ich beschäftige mich auch in der Freizeit mit der Wirtschaft, aber auch politische Fragestellungen, die ich gerne analysiere. Schließlich habe ich unter meinen Kunden auch Verwaltungen, die mit Problemstellungen aus der Kommunalwirtschaft an mich heran treten. Abseits meiner beruflichen Tätigkeit fördere ich zusammen mit meiner Frau unseren Sohn. Er ist 16 Jahre alt und talentierter Alpin-Ski-Inlinefahrer. Er fährt die Rennen für das Nationalteam des DSV (Deutscher Skiverband) und wurde in diesem Jahr deutscher Meister in der Disziplin Inline-Parallel-Slalom U16. Sein Hobby ist schon sehr zeitaufwändig. Über die vielen Jahre (er fährt nun bereits seit 11 Jahren Inline-Rennen) haben wir mit anderen Rennläufern und deren Eltern sehr gute Freundschaften verteilt über die gesamte Bundesrepublik, aber auch in Österreich und der Schweiz, aufgebaut.
Ich selbst gehe regelmäßig Joggen und ins Fitnessstudio. Der Sport ist mir sehr wichtig. Zum einen benötige ich nach dem Tag am Schreibtisch Bewegung, zum anderen bekomme ich durch den Work-Out einen freien Kopf für neue Aufgaben. 


Nun vom Besonderen zum Allgemeinen: Die IT-Branche wächst und wächst – worin sehen Sie die Herausforderungen der nächsten Jahre und vermissen Sie manchmal auch “the good old days”?
Die größte Herausforderung in den nächsten Jahren sehe ich bei der Digitalisierung. Aus dem Blickwinkel von Industrie 4.0 muss ich immer mal wieder feststellen, dass viele Unternehmen noch nicht komplett bei Industrie 3.0 angekommen sind. Die Prozesse greifen häufig nicht reibungslos ineinander. Die Schnittstellen sind den Prozesseignern häufig nicht bewusst. Leider fangen viele Unternehmen an, ihre Betriebe zu digitalisieren, ohne dass sie die Vorarbeiten geleistet haben. Hierzu gehört u.a. auch ein ordentliches Prozessmanagement. Nur gestaltete Prozesse mit optimalen Schnittstellen und  möglichst geringen Reibungsverlusten können schließlich ohne großen Aufwand digital abgebildet werden und durch intelligente Systeme abgelöst werden. Deutschland ist ein Industrie-Standort mit einer sehr guten Basis. Wir müssen allerdings aufpassen, dass wir nicht von Nationen überholt werden, deren technologische Entwicklung, aufgrund von steigenden Qualitätsanforderungen nach Produktionsverlagerungen in Billig-Lohn-Länder, maßgeblich durch uns westliche Nationen, vorangetrieben wurde. In Bezug auf unsere regionale Zukunft in Südwestfalen und Mittelhessen sehe ich zwei große Problemstellungen:

a) die logistischen Probleme, die auf die Unternehmen zukommen. Als Beispiel möchte ich hier nur der fehlende Ausbau der Bundesautobahn A4, sowie eine zeitintensive Sanierung der Bundesautobahn A45 benennen. 

b) die fehlende Bereitschaft der Unternehmen, sich auf die Kernkompetenzen zu konzentrieren und kompetenzfremde Aufgaben durch Spezialisten umsetzen zu lassen. Hier möchte ich als Beispiel benennen, dass ein Unternehmen aufgrund von Betriebsblindheit selten seine gesamten Optimierungspotentiale erschließen kann.

Ich halte nicht viel von der Einstellung, dass früher alles besser war. Daher gibt es für mich auch keine „the good old days“.  Früher wie heute gab bzw. gibt es Aufgaben und Problem, für die Lösungen gefunden werden mussten bzw. müssen. Sicherlich ist heute nicht alles Gold, was in der Sonne glänzt, aber dies war es früher auch nicht. Im Großen und Ganzen haben sich die Arbeitsbedingungen doch sehr zum Positiven entwickelt und verändert.


Gibt es noch eine interessante Geschichte oder eine Anekdote aus Ihrer freiberuflichen Tätigkeit, die Sie gerne mit uns teilen würden?
Es gibt mit Sicherheit die ein oder andere interessante Geschichte und Anekdote aus meinem Berufsleben. Ich möchte aber diesen letzten Punkt des heutigen Interviews lieber dazu nutzen, anderen Menschen, die sich mit einer möglichen Verwirklichung als Freelancer beschäftigen, ein paar wichtige und wertvolle Anregungen zu geben. Wenn Sie sich mit dem Gedanken beschäftigen, ob für Sie eine Selbstständigkeit als Freelancer in Betracht kommt, hier ein Hinweis: Gehen Sie in Ihren Gedanken an den Beginn Ihrer letzten drei Einstellungen. Wie haben Sie die neue Arbeitsaufgabe aufgenommen? Wurden Sie gut eingearbeitet? Haben Sie von Ihren Kolleginnen und Kollegen eine ordentliche Einarbeitung erhalten? Beantworten Sie diese Fragen in aller Ruhe und in aller Ehrlichkeit. Schreiben Sie sich diese Antworten auf. Hatten Sie in der Vergangenheit Probleme bei neuen Arbeitsaufgaben, benötigten Sie häufig Hilfestellung von Kolleginnen und Kollegen, dann gebe ich Ihnen den ehrlichen Tipp: Lassen Sie die Finger von einer Selbstständigkeit als Freelancer. Als Freelancer müssen Sie den Weg auswählen und vorgeben. Es gibt keinen einen Lösungsweg aus dem Fachbuch. Sie müssen sich die Lösungswege selbst erarbeiten. Mit jeder neuen Aufgabenstellung. Wenn Sie keine Probleme hatten und keine bzw. kaum Unterstützung bei der Einarbeitung benötigten, dann schreiben Sie Ihren Businessplan und Ihren Liquidationsplan. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. 


​​​​​​​Vielen Dank für das Interview!

 



 
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